Carlchen Carlson – ein Kleinanzeigenhamster. Geschenkt ist nicht umsonst.

Ende November 2016 war bei mir ein Gehege im 3er-Turm frei geworden. Da ich zwar gerne alles weggeschmissen hätte, mein Freund mich aber zur Vernunft bringen konnte, habe ich die Kleinanzeigen durchforstet. So bin ich auf „Carlson“, einen Goldhamster unbekannten Alters, gestoßen. 

Carlson wurde in einem Treppenhaus ausgesetzt, weil die ehemalige Besitzerin umgezogen war und keine Lust hatte, ihn mitzunehmen. Mit den Worten „Den wird schon einer mitnehmen!“ hatte sie ihn dort zurückgelassen und eine nette Nachbarin hat sich seiner angenommen und ihn mitgenommen und besagte Anzeige bei Ebay geschaltet. Nach einem langen Telefonat und einigen Gehegefotos war klar, dass Carlson zu mir zieht. Da die Dame nur einen Steinwurf von meiner Arbeit entfernt wohnte, haben wir die Übergabe direkt für den übernächsten Tag ausgemacht. Carlson wurde in seinem ca. DIN A3-großen Käfig zu mir in die Praxis gebracht und als ich Feierabend hatte in meine Transportbox gesetzt, denn der Käfig war kaputt und ich hatte Angst, er könnte bei der Autofahrt aus dem Käfig entkommen.

Meine Angewohnheit ist, dass ich die Hamster gerne vollquatsche. Besonders wenn sie neu sind, weil ich mir einbilde, dass sie sich dann an meine Stimme gewöhnen. Dieser Hamster hat am laufenden Band geschrien, wenn ich ihn angesprochen habe. Ich hatte ja wirklich schon einige Hamster, aber solche Laute hatte ich noch nie gehört.
Zuhause angekommen sah ich mich mit der unlösbaren Aufgabe konfrontiert, das schreiende Etwas zu spotten. Zum Einen sah sein Fell wirklich nicht sehr schön aus, was natürlich am nicht vorhandenen Sand hätte liegen können, zum Anderen spotte ich Kleinanzeigentiere generell bei Einzug. Irgendwie haben wir es dann bewerkstelligt und ich habe Carlson dann in die Samla gesetzt. 

Er war von Anfang an relativ aufgeschlossen und ist auch recht schnell zu einem super handzahmen Tier geworden, das zuverlässig jeden Nachmittag spätestens um 15 Uhr auf der Matte stand und stundenlang radelte.
Nur das Fell wurde nicht besser, sodass ich ihn mit in die Praxis nahm. Mein Verdacht auf Demodex konnte ich unter dem Mikroskop bestätigen und zur Sicherheit wurde noch eine Probe ins Labor geschickt. Es blieb bei Demodex und einem ubiquitären Schimmelpilz.
Also wieder spotten und weiterhin kein Kontakt zu den anderen Hamstern über gemeinsam genutzte Auslaufgegenstände. So bekam Carlson seinen eigenen Auslauf mit ausschließlich Keramikgegenständen zwecks einfacher Reinigung.
Etwa zwei Monate später wuchs ein Knubbel aus Carlsons Ohr, welchen er zwar in Ruhe ließ, den ich aber dennoch entfernt haben wollte. Gesagt, getan. Carlchen musste mit in die Praxis und wir haben den Knubbel entfernt.
Fünf Wochen später war er wieder da. Also wieder zum Tierarzt und weg damit.

Kaum drei Wochen darauf mussten wir am Samstag nachts in die Tierklinik, weil uns aufgefallen war, dass Carli sein Gemüse nicht geholt hatte und er uns bei der Nestkontrolle mit einem dicken Gesicht entgegenkam. Die Ärztin in der Klinik hat uns mit Metacam und Baytril abgespeist, weil sie keine Narkose machen wollte, war er doch kurz vorher operiert worden. Da es ihm im Laufe des nächsten Tages nicht besser ging, hat mein Freund ihn direkt am Montag morgens auf dem Weg zur Arbeit bei unserem Tierarzt vorbeigebracht. Ich konnte ihn dann nachmittags wieder abholen. Wirklich was gefunden wurde nicht. Er wurde in Sedation geröntgt und ein bisschen Eiter aus der Backe entfernt. Er musste weiter Antibiotikum und Schmerzmittel bekommen und da er nicht selbstständig gefressen hat, habe ich ihn abends bis nachts alle zwei Stunden gepäppelt und wieder morgens vor der Arbeit. Nachmittags habe ich ihn als erstes wieder gefüttert und dann nochmal vier Stunden später. Ab abends ging es dann im Zwei-Stunden-Takt weiter. Kurz darauf kam noch Durchfall hinzu, weshalb ich ein weiteres Medikament brauchte, was ich Carli 3x täglich verabreichte.
Nachdem es auch nach ein paar weiteren Tagen nicht richtig bergauf ging, waren wir wieder zur Kontrolle. Diesmal war der Abszess reif und ließ sich öffnen. Es kam ziemlich viel Eiter zum Vorschein und ich musste Zuhause 2x täglich den Abszess spülen.

Dieser unglaublich brave kleine Hamster hat alles tapfer über sich ergehen lassen, aber nachdem das Antibiotikum einfach nicht richtig anzuschlagen schien, habe ich es nach einem weiteren Tierarztbesuch und in Absprache mit meinem Tierarzt nach nun insgesamt einer Woche gewechselt. Mit dem neuen Antibiotikum (Chloramphenicol) ging es dem kleinen Mann stetig besser und auch der Tierarzt meinte, dass wir das in den Griff kriegen.
Leider ging es Carlchen nach einer wirklich guten Woche auf dem Weg zur Genesung wieder schlechter und wir mussten ihn erlösen lassen.

Ganz zu Anfang habe ich noch zu meinen Freundinnen gesagt, dass „der halt hier wohnen darf, ich aber mein Herz nicht an ihn hänge“ (wofür ich schon gehörig ausgelacht wurde). Das hat natürlich nicht geklappt. Im Gegenteil. Wir haben so sehr gekämpft und am Ende doch verloren. Auch wenn es für mich im Endeffekt unwichtig ist… Carlchen hat fast auf den Tag genau 6 Monate hier gelebt und in den letzten Wochen über 400 Euro Tierarztkosten produziert. Und das wäre noch deutlich mehr gewesen, wenn ich nicht einen Teil der Behandlungen in der Praxis gemacht hätte, in der ich arbeite.